Sektion "Soziologische Netzwerkforschung"

Bedeutung der Netzwerkforschung


Innerhalb der Soziologie hat das Paradigma der Netzwerkforschung deutlich an Dynamik gewonnen. Unter dem Begriff ?Analyse sozialer Netzwerke? wird sowohl die unterliegende Theorie,  als auch Netzwerkanalyse als empirische Grundlage für das Nachdenken über Netzwerke verstanden.

Das Netzwerkparadigma ist keineswegs in Eins zu setzen mit einer bestimmten theoretischen Ausrichtung, oder gar mit einem bestimmten empirischen Zugang. So lässt sich von einer strukturalistischen Position ebenso Netzwerkforschung betreiben wie von der Position des Methodologischen Individualismus oder einer systemtheoretischen Position. Auch im Hinblick auf den empirischen Zugang stellt die Netzwerkanalyse keinesfalls eine Vorentscheidung für qualitative oder quantitative Sozialforschung dar.

Das Paradigmatische der Netzwerkanalyse ist vielmehr darin zu sehen, dass sie mit dem Fokus auf Beziehungen und Positionen eine vermittelnde Stellung einnimmt, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Sie kann problemlos zwischen Mikro- und Makroebene vermitteln; sie besitzt Anschlussfähigkeit zu verschiedenen theoretischen Positionen (s.o.); die bisherigen netzwerkanalytischen Zugänge weisen nicht die sonst oftmals übliche Kluft zwischen Theorie und Empirie auf; und sie bildet wie kaum ein zweites Paradigma eine Plattform interdisziplinären Austauschs, wobei der soziologischen Netzwerkanalyse in begrifflicher, systematischer und analytischer Hinsicht eine buchstäblich grundlegende Funktion zukommt.  


Funktion der Sektion


Die Sektion soll über Forschungsaktivitäten im Bereich der Netzwerkanalyse informieren und die Arbeit in diesem Bereich zu koordinieren. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass es in diesem Feld zahlreiche Aktivitäten gibt, die Akteure aber kaum zusammen gefunden haben. Das liegt daran, dass es an einem organisatorischen Rahmen dafür fehlt.

Bislang wurde das Forschungsprogramm der Netzwerkanalyse vor allem im Bereich der Methoden aufgenommen. So gab es einige Tagungen in diesem Bereich von der Sektion Methoden (Jahrestagung in Duisburg 2006), der Sektion Modellbildung und Simulation (Jahrestagung 2006 in Köln), sowie auf dem DGS-Kongress 2006 in Kassel die Organisation eines Plenums (durch die Sektion Modellbildung und Simulation) und einer Ad hoc Gruppe ?Netzwerkanalyse ? Empirische und theoretische Perspektiven?.
Auf dem DGS-Kongress in München (2004) wurde eine Ad-Hoc-Gruppe zur qualitativen Netzwerkanalyse organisiert.Gleichzeitig wird das Thema auch von anderen speziellen Soziologien aufgenommen. So veranstaltete die Sektion ?Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse? in Bielefeld eine Tagung im Jahr 2005, in der der Zusammenhang zwischen sozialen Netzwerken und Sozialkapital auf der Tagesordnung stand. Im Bereich der Organisationssoziologie und der Techniksoziologie wird die Netzwerkanalyse ebenfalls thematisiert.

Die Tatsache, dass verschiedene spezielle Soziologien die neue Sichtweise[1] aufnehmen, zeigt, dass diese Perspektive als relevant wahrgenommen wird. So erfreulich es ist, dass der Blickwinkel, der soziale Beziehungen direkt in die Analyse und Erklärung einbezieht, in verschiedenen ?Subdisziplinen? aufgenommen wird, zeigt sich darin gleichzeitig auch das Dilemma, dass es an Möglichkeiten der Konsolidierung fehlt.   


Aktivitäten der Sektion

Um diesem Dilemma entgegenzuwirken, hat sich zunächst eine Initiative formiert, die eine Reihe von Aktivitäten entfalten konnte. Im Herbst 2007 fand in Frankfurt a.M. eine Tagung zu dem Thema ?Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften: Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie? mit 150 Teilnehmern und 50 Referaten statt (Organisation: Christian Stegbauer; Veröffentlichung ist gerade erschienen: ?Stegbauer, C. (Hg.), Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie. Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften. Wiesbaden: VS, 596 S." ).

Im Frühjahr 2008 hat eine Tagung in Karlsruhe (Organisation: Roger Häußling) mit dem Thema "Grenzen von Netzwerken" stattgefunden (Dokumentation erscheint bei VS. Häußling, R. (Hg.), Grenzen von Netzwerken, voraussichtlich Juni 09).

Im September 2008 fand in Berlin eine, von Sophie Mützel und Jan Fuhse organisierte Veranstaltung mit amerikanischen Kollegen statt "Relational Sociology: Transatlantic Impulses for the Social Sciences."

Auf dem Soziologiekongress 2008 in Jena wurde eine Nachmittagsveranstaltung der Initiative "UNSICHERE ZEITEN? ? WANDEL UND DYNAMIK IN NETZWERKEN" ausgerichtet.

In 2009 sind  drei Tagungen organisiert worden:
Anfang Mai in München eine Tagung (Organisation: Roger Häußling, Betina Hollstein, Katja Mayer, Jürgen Pfeffer und Florian Straus) zur Visualisierung von Netzwerken,
Ende Mai fand in Stuttgart eine Tagung zu "Kultur und Kommunikationstechnologien in sozialen Netzwerken" (Organisation: Jan Fuhse und Christian Stegbauer) (zusammen mit der Sektion Medien- und Kommunikationssoziologie) statt.

Im Herbst 2009 wurde an der TU Hamburg-Harburg eine Tagung mit dem Titel: "Netzwerke und Kommunikation: komplementäre Perspektiven?" (Organisation: Miriam Barnat und Marco Schmidt) ausgerichtet.

In 2010 fand die Frühjahrstagung am 25.-26.03.2010 in Berlin statt. Titel: "Netzwerke erfassen, analysieren und verstehen. Zur Integration von Daten, Methoden und Theorien"  Vorbereitung und Organisation: Marina Hennig (Berlin), Christian Stegbauer (Frankfurt/Main), Lothar Krempel (Köln).

Auf dem DGS-Kongress in Frankfurt wurde eine gemeinsame Nachmitagsveranstaltung mit der Sektion "Modellbildung und Simulation" unter dem Titel "Transnationale Netzwerke: Theorien, Modelle und empirische Analysen" durchgeführt. Verantwortlich hierfür waren Ben Jan (Bern) und Christian Stegbauer (Frankfurt/Main).

Ferner wurde zusammen mit der Sektion "Wirtschaftssoziologie" und der AG "Organisationssoziologie" ein Plenum zum Thema: "Transnationale Ordnungen wirtschaftlichen Handelns" organisiert.

Wir haben eine Publikationsreihe zur Netzwerkforschung im VS-Verlag ins Leben gerufen (hrsg.v. Christian Stegbauer und Roger Häußling).

Die Sektion "Soziologische Netzwerkforschung" möchte ein Forum innerhalb der Soziologie sein, welches die Möglichkeit bietet, quer zu den speziellen Soziologien die Aktivitäten innerhalb des Bereiches ?Netzwerkforschung? zu bündeln - im Sinne einer Matrixorganisation. Strukturell ähnliche Aufgaben nehmen die Sektionen ?Theorie? und die diversen ?Methodensektionen? ebenfalls wahr. Die Sektion Netzwerkforschung möchte auch Interessierte anderer Disziplinen einladen bei uns mitzuarbeiten ? im Sinne einer interdisziplinären Netzwerkforschung. 

 


[1] Es gibt eine Studie über die Historie der sozialen Netzwerkanalyse, aus der hervorgeht, dass die Perspektive Wurzeln in zahlreichen Gebieten der traditionellen Sozialwissenschaften hat (Freeman  2004).

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