Portrait der Sektion Umweltsoziologie

Umweltsoziologie vor neuen Aufgaben

Umweltsoziologie ist national und insbesondere international ein dynamisches und weiterhin wachsendes Forschungsfeld. Dies liegt vor allem daran, dass die Herausforderungen globaler Umweltveränderungen sowie damit verbundener Strategien nachhaltiger Entwicklung eher vor als hinter uns liegen. Der Bedarf an (sozial-)wissenschaftlicher Expertise in Umweltfragen nimmt daher zu.

Folgende Themenschwerpunkte der deutschen Umweltsoziologie sollen interdisziplinäre Fragestellungen, die aufgrund der Dynamik des Umweltthemas längst nicht mehr allein von der Soziologie behandelt werden können, stärker an die Sektionsarbeit angebunden werden. Die nicht exklusiven Themenschwerpunkte für die Sektionsarbeit sind:

 

Umweltsoziologische Theorien und Modelle

Die gesellschaftstheoretische Auseinandersetzung mit Gesellschaft-Umwelt-Interaktionen ist eine wichtige Basis umweltsoziologischer Arbeit. Dabei geht es sowohl um die Frage, welchen Beitrag leisten Gesellschaftstheorien für unser Verständnis über die ?Natur der Gesellschaft? als auch umgekehrt, welchen Beitrag leisten umweltsoziologische Konzepte für die Weiterentwicklung allgemeiner soziologischer Theorien. Eine besondere Herausforderung ist hier sicherlich, den deutschen Theorie-Diskurs mit internationalen Diskussionen ins Gespräch zu bringen und fortlaufend neue theoretische Entwicklungen aufzugreifen.

 

Klima, Energie und Anpassung

Der globale Klimawandel und Fragen nach der Energieversorgung moderner Gesellschaften machen die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen auf dem Weh zu einer nachhaltigeren Entwicklung deutlich. In Analysen zur Anpassung sozio-ökonomischer Systeme vermischt sich umwelt-, risiko- und katastrophensoziologische Expertise. Auf internationaler wie nationaler Ebene hat die Thematik in wissenschaftlichen, politischen und zivilgesellschaftlichen Arenen in den vergangenen Jahren stark an Relevanz gewonnen. Die deutsche Umweltsoziologie will zu den sich hieraus ergebenden Fragen einen wichtigen Beitrag leisten.

 

Ökosystem Management und Renaturierung

In den letzten 30 Jahren haben sich Strategien zur aktiven Ökosystemgestaltung, der Rekonstruktion von Landschaften, der ökologischen Restaurierung sowie andere Managementformen als Strategien im Bereich der Umweltforschung und -bewegung durchsetzen können. Entsprechend ist die Society for Ecological Restoration (SER) eine der am stärksten wachsenden wissenschaftlichen Organisationen der Welt. Dieses Feld liefert uns für die Umweltsoziologie interessante Forschungsfelder. Hierzu gehören z.B. von Bevölkerungsschrumpfung gekennzeichnete Regionen und deren Gestaltung/Renaturierung. In diesem Kontext stehen auch Forschungsprojekte in denen die soziologischen Beiträge zur Entwicklung von Strategien zur Sanierung kontaminierter Regionen als Folgen moderner industrieller Entwicklung, als ein wichtiges Element im Management der Sanierungen gesehen werden. Für die Umweltsoziologie knüpfen diese Arbeiten an aktuelle Versionen der ökologischen Modernisierung, Debatten um neue Formen der Wissensproduktion im Anwendungskontext sowie Beteiligung und Demokratisierung von Wissenschaft in der Wissensgesellschaft an.

 

Nachhaltigkeit, Governance und "Multi-Level Decision Making"

Ein zentraler Aspekt des Leitbildes "nachhaltige Entwicklung" ist die Bedeutung kooperativer Entscheidungsprozesse zwischen dem Staat, privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren: vom ?government? zu ?governance?. Aufgrund von sozialer und sachlicher Komplexität werden Governance-Prozesse als zentral angesehen für die gesellschaftliche (Selbst-)Transformation zur nachhaltigen Entwicklung. Dementsprechend ist das Thema ?Governance? in politik- und sozialwissenschaftlichen Diskursen seit einigen Jahren ein ?hot topic?. Auch in Deutschland wird dazu geforscht. Neben politikwissenschaftlichen Analysen, die bislang zweifelsohne das Thema geprägt haben, kommen bei genauer Betrachtung aber auch vielfältige soziologische Fragestellungen in den Blick: schließlich geht es um gesellschaftliche Kooperationsprozesse, Machtverhältnisse, Zugangs- und Ungleichheitsfragen.

 

Globaler Umweltwandel, Kultur und Kommunikation

Die gesellschaftliche Kommunikation über Umwelt und nachhaltige Entwicklung sind zentral für die soziale Konstruktion von individuellen und kollektiven Umwelt-Repräsentationen und Umwelthandeln. Neben den sogenannten Massenmedien haben hier Studien, die bspw. Kommunikations- und Entscheidungsprozesse an den Schnittstellen von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit in den Blick nehmen an Bedeutung gewonnen. Diese Themen wurden bislang zu wenig auf ihre umweltsoziologische Relevanz hin analysiert. Das gilt ebenso für die durch transnationale Medienkonzerne und durch die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologie vorangetriebene Globalisierung medienvermittelter Kommunikation als auch für erweiterte Partizipationsmöglichkeiten durch neue Medien. Da durch die Intensivierung interaktiver und kommunikativer Prozesse insbesondere auch kulturelle Unterschiede stärker sichtbar werden, finden sich viele umweltsoziologisch spannende Fragen an der Schnittstelle zwischen Umwelt-, Kommunikations- und Kultursoziologie. In Deutschland wird bspw. am Forschungszentrum Jülich, an der Universität Lüneburg, an der Universität Stuttgart, an der International University Bremen oder bei der Münchener Projektgruppe Sozialforschung zu diesen Themen gearbeitet. Auf internationaler Ebene hat die Thematik im Rahmen des ?International Human Dimension Programs for Global Environmental Change? in jüngere Zeit stark an Bedeutung gewonnen.